Thursday 21 Sep 2017
Sunday, 27 October 2013 10:00

Wladimir Wyssozki, der Russe Nr. 1

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Wladimir Wyssozki, der Russe Nr. 1 Foto: PhotoXPress

27. Oktober 2013 WASSILIJ SCHUMOWFÜR RUSSLAND HEUTE

Fragt man in Russland nach dem beliebtesten russischen Autor, wird mit größter Wahrscheinlichkeit ein ganz bestimmter Dichter, Sänger und Schauspieler genannt: Wladimir Wyssozki.

 

Am Abend des 25. Juli 1980 kehrte ich aus Odessa zurück nach Moskau. Während ich am Bahnhof zu meinem Zug ging, fühlte ich plötzlich, dass etwas sehr Schlimmes passiert ist. Die Menschen flüsterten verborgen miteinander. Es herrschte eine unangenehme, bedrückende Stimmung. „Vielleicht ist der Krieg ausgebrochen?“, dachte ich und ging zu einer Gruppe Männern, die etwas angespannt und leise besprachen. „Ist etwas passiert?“ Sie antworteten betrübt: „Gerade hat die ‚Stimme Amerikas‘ verkündet, dass Wyssozki in Moskau gestorben ist.“

In Russland liebten und lieben ihn alle. Wir hatten große Dichter, Sänger und Komponisten, aber Wyssozki ist einzigartig – ein Volksdichter mit der Gitarre. So sehr vom Volk geliebt, dass er wie ein Freund, Bruder oder Vater empfunden wird. Seine Lieder erzählen über alles und für jeden: Krieg, Sport, Medizin, die internationale Lage, Science-Fiction, Alkoholismus, Geschichte, Reisen, Luftfahrt oder Religion – und diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig.

Alles ist zumindest theoretisch aus seiner eigenen Perspektive geschildert. Viele glaubten in diesen Jahren daran, dass sie mit Wyssozki zusammen im Krieg waren, Aufklärungstouren unternommen hatten, in einem Jagdflieger geflogen waren, Gold schürften, im Krankenhaus lagen oder im Knast saßen. Der Prototyp eines Russen, mit einer russischen Mentalität und einem russischen Charakter. Ein Mensch, der keine Grenzen kennt und bereit ist, bis zum Schluss zu gehen. Wenn in der Liebe, so bis zum Tod. Wenn im Krieg, so bis zum Sieg. Wenn im Saufgelage, so bis zum Umfallen.

Wyssozkis Stil wurzelt in den traditionellen russischen Romanzen, in den Melodien und Liedern des fahrenden Volkes, die von Kleinkriminellen gesungen werden. Teilweise erinnert er an französische Chansonniers wie etwa Georges Brassens.

 

Die 1960er: Der große Durchbruch

Die Texte vereinen sich mit seiner sprudelnden Energie und der einzigartig tiefen Lage seiner rauen Stimme. Die ersten Lieder, in denen die kriminelle Welt thematisiert wurde, hat er noch Anfang der 1960er geschrieben. Das war die Zeit, als in der UdSSR die ersten Spulentonbandgeräte auftauchten. Die Lieder Wyssozkis von Konzerten in Wohnungen oder von Bühnen des Untergrunds kopierte man und reichte sie weiter. Binnen weniger Jahre war er im ganzen Land bekannt, ohne auch nur einmal im Radio aufgetreten zu sein.

Die Qualität war furchtbar, jede Folgekopie brachte noch mehr Störgeräusche und Verzerrungen hinein. Aber die heisere Stimme und die oft ungestimmte Gitarre drangen zum Hörer trotz aller Störfaktoren der Aufnahme. Für viele war das wie ein frischer Atemzug.

Wyssozki: „Über einen guten Gauner“ (Früher war das Leben…)

 

Video: https://www.youtube.com/watch?v=TJUwueDRIYg
Quelle: Youtube

 

1979 hatte ich das Glück, auf einem seiner Konzerte zu sein. Ich war Student an einer technischen Hochschule, der Bauman MSTU. Eines Tages ging in unserer Fakultät das Gerücht um, dass im Kulturhaus der Uni Wyssozki selbst auftreten werde. Plakate wurden nicht angebracht, über einen Vorverkauf der Tickets war nicht zu denken. Alle verstanden, dass das Konzert inoffiziell sein würde.

Alle Plätze waren besetzt, Studenten und Mitarbeiter versuchten zu zweit in einen Sessel zu passen, die Leute standen in den Gängen und drängten sich an die Wände. Auf der leeren Bühne standen zwei Mikrofone, eines für die Stimme und eines für die Gitarre. Als er hinter den Kulissen hervorkam, tobte der Saal vor Beifall. Wyssozki, der einen beigefarbenen Rollkragenpulli und braune Hosen anhatte, kam zum Mikrofon und begann mit dem damals wenig bekannten Lied „Brände“. Dann grüßte er und bat, das Licht einzuschalten, damit man die Gesichter im Publikum sieht. Die unsichtbare Wand zwischen der Bühne und dem Saal war verschwunden. Er spielte „Liebe Sendung…“, „Genossen Akademiker“ und andere Lieder. Dann hat man ihn lange nicht weggelassen und er kam mehrmals zurück auf die Bühne, um noch etwas zu spielen.

 

Wyssozki – ein Spion?

Wie es eben mit Berühmtheiten passiert, gingen viele Gerüchte über Wyssozki um. Es gab und gibt noch immer viele, die ihn beneidet und ihm Schlechtes gewünscht haben. Es heißt, dass Wyssozki nicht umsonst so große Privilegien in der UdSSR genoss und dass ihm vieles nachgesehen wurde. Vor Kurzem konnte man lesen, dass Wyssozkis Sohn Nikita einen Prozess gegen den Verleger eines Buchs über seinen Vater gewonnen hatte, in dem dieser als KGB-Agent, Drogenhändler und Terrorist dargestellt wurde. Die Begeisterung um Wyssozkis Person versiegt nicht.

Seit seinem Todestag sind mehr als 30 Jahre vergangen, aber er wird nicht vergessen. Es tauchen regelmäßig unveröffentlichte Aufzeichnungen auf. Es werden Sachbücher von seinen Freunden und Zeitzeugen veröffentlicht, die über sein Leben berichten. Sogar eine Albumserie mit dem Titel „Wyssozki. Neue Klänge“ ist herausgebracht worden, in denen mithilfe moderner Technik Wyssozkis Stimme mit einer neuen Orchestervertonung und modernen Rhythmen vereint wurde. Jedes Jahr am 25. Januar, zum Geburtstag Wyssozkis, laufen auf russischen Fernsehkanälen ihm gewidmete Programme und Filme, in denen er mitwirkte.

 

Für alle, die Parallelen zwischen Wyssozki und Interpreten aus anderen Ländern ziehen wollen, wie zum Beispiel Bob Dylan oder Charles Aznavour, kann ich nur anmerken, dass sie vergeblich nach ähnlichen Künstlern suchen werden – Wyssozki ist ein rein russisches Phänomen. Man findet keinen japanischen oder amerikanischen Wyssozki, auch wenn es viele Nachahmer und Verehrer in den erstaunlichsten Ecken der Welt gibt.

 

Weiter: http://de.rbth.com

Dieser Beitrag ist zuerst auf Russia Beyond The Headlines de.rbth.com erschienen.

 

 

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